Körperliche Aktivität: Bewegung kann Alzheimer verlangsamen und mentalen Abbau verzögern
Körperliche Aktivität stellt ein wichtiges Instrument im Kampf gegen Alzheimer dar. Eine neue Untersuchung, veröffentlicht im Fachjournal **Nature Medicine**, zeigt, dass Bewegung nicht nur das Risiko einer Erkrankung senkt, sondern auch den Krankheitsverlauf verlangsamen kann – selbst wenn bereits **Beta-Amyloid-Plaques** im Gehirn vorhanden sind, die auf eine präklinische, noch symptomfreie Alzheimer-Demenz hinweisen. Die Studie analysierte rund 300 ältere Erwachsene, von denen 88 bereits diese schädlichen Ablagerungen aufwiesen.
Die Wirksamkeit der Schrittzahl bei der Tau-Ansammlung
- Die Untersuchung ergab, dass bereits **3.000 Schritte täglich** dazu beitragen können, dass sich die Alzheimer-typischen **Tau-Proteine** im Gehirn langsamer ansammeln.
- Der protektive Effekt verstärkt sich bei einer täglichen Schrittzahl von **5.000 bis 7.500 Schritten**.
- Das Tau-Protein dient als wichtiger Marker für das Fortschreiten der Erkrankung. Bei körperlich aktiven Menschen reicherte es sich deutlich langsamer an, was den **geistigen Verfall um mehrere Jahre verzögern** könnte.
Expertenstimmen zur neurologischen Schutzwirkung
Professor Emrah Düzel, Direktor des Instituts für kognitive Neurologie und Demenzforschung am Universitätsklinikum Magdeburg, der nicht an der Studie beteiligt war, unterstreicht die Relevanz der Ergebnisse: **„Körperliche Aktivität scheint die Ausbreitung der Alzheimer-Veränderungen über Jahre hinweg zu verlangsamen und die mentale Leistungsfähigkeit zu schützen.“** Er führt weiter aus, dass Bewegung nicht nur die kardiovaskuläre Gesundheit fördert, sondern auch die Kognition trainiert – etwa durch die Prozesse der Navigation, Orientierung und Interaktion mit der Umgebung. Zudem würden durch Aktivität schützende **Wachstumsfaktoren** freigesetzt, die sich positiv auf das Gehirn auswirken.
Steffi G. Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health am Universitätsklinikum Leipzig, betont die zeitliche Brisanz der Studienergebnisse. Angesichts neuer therapeutischer Ansätze wie den Antikörpertherapien (Lecanemab und Donanemab), die den Krankheitsverlauf erstmals beeinflussen können, zeigt sich, **„dass körperliche Aktivität ein potenziell vergleichbar wirkungsvolles, aber sicheres und breitenwirksames Instrument bleiben wird.“** Zukünftige Forschung müsse klären, ob Bewegung die Wirksamkeit dieser medikamentösen Therapien sogar verstärken kann. Für die Mehrheit der Betroffenen, die keine Antikörper erhalten, gewinnt körperliche Aktivität als **zugängliche und risikoarme Präventionsstrategie** weiter an Bedeutung.
Grenzen der Studie und Empfehlungen für den Alltag
Ein Kritikpunkt an der Untersuchung ist, dass die **Schrittzahl nur einmalig zu Beginn der Studie erfasst** wurde. Spätere Bewegungsdaten der Teilnehmer sind nicht bekannt, was eine lückenlose Verfolgung der Aktivität über den gesamten Studienzeitraum unmöglich macht. Die Annahme, dass oberhalb von 7.000 Schritten keine weiteren Verbesserungen auftreten, sollte laut Düzel vorsichtig bewertet werden. Er betont: **„Ich würde auf keinen Fall schlussfolgern, dass mehr Bewegung nicht notwendig ist.“** Es sei mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass intensive körperliche Aktivität wie **Joggen oder Tanzen** zusätzliche, positive Effekte auf die Gehirngesundheit auslösen könne.
Neben der körperlichen Aktivität spielen auch andere Lebensstilfaktoren eine wichtige Rolle für die Gehirngesundheit, darunter die **geistige und soziale Aktivität**, eine **gesunde Ernährung** und ein **geringer Alkoholkonsum**. René Thyrian vom Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) empfiehlt, Bewegung **regelmäßig und individuell passend** in den Alltag zu integrieren, idealerweise verbunden mit dem Erkunden neuer Umgebungen, um die kognitiven Vorteile zu maximieren.

